...lässt sich wohl am besten mit einem Zitat Emanuel Geibels, eines Pfarrerssohns, verdeutlichen:
„Glaube, dem die Tür versagt,
steigt als Aberglaub' ins Fenster.
Wenn die Götter ihr verjagt,
kommen die Gespenster.“
Die Hoffnung, die Sie wahrscheinlich hegen und ich auch, richtet sich doch darauf, dass die Staatsregierungen dieser Welt ihre Bürger dazu anleiten, Religion in zwei Qualitäten aufzufassen:
1) Heilsbotschaften, die sich für eine Stärkung der geistig-moralischen Verfasstheit anbieten und tatsächlich jedermanns Privatsache sind, und
2) "Paraphernalien" der Religionsausübung wie der kleine Hunger zwischendurch und sowieso alles, was mit Zähnen, Augen, Klauen, Haut und Haaren zu tun hat.
Letztere dürfen im öffentlichen Alltag nicht in einer für die Mitmenschen determinierenden Weise zur Schau getragen oder proklamiert werden.
Der Bürger hält sich mit seiner Religionsausübung aus der Sphäre des Staates zurück, damit sich im Gegenzug der Staat auch nicht in die Spiritualität der Bürger einmischt und in das, was hinter geschlossener Türe der Gotteshäuser zelebriert wird.
Herübergebracht hat die Politik diese Botschaft allzu oft mit einem betont liberalen und pauschalen "Religion ist eh' out!". Allerdings nicht ohne den Hintergedanken, das dabei entstehende Vakuum an Geistigkeit sofort zu besetzen, also ihr Versprechen zu brechen, den spirituellen Teil der Religion Privatsache sein zu lasen.
Und so lässt sich die heutige Situation beschreiben: Wirklich in grossen Mehrheiten auf ihre Religion und die Unzahl an sittlichen Weisungen fixiert sind nur noch die Muslime, die sich mit Begriffen wie "Staat" oder "Nation" immer schon schwer getan haben und deshalb auf uns leicht hinterwäldlerisch wirken, während Christen und Juden (mit Ausnahme der Orthodoxen) sich in ihrer vermeintlich aufgeklärten Säkularität gefallen und dabei gar nicht merken, wie sehr sie dem Nationalismus nach der Art einer Religion anhängen. Das Heilsversprechen ist auf den durchschlagenden Erfolg der eigenen Nation im Wettstreit mit den andern ausgelagert worden.

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