Am 18.06.2012 berichtet SPON unter der Überschrift „Alle Macht den Generälen“: „Der Zeitpunkt konnte kaum raffinierter gewählt sein: Während Ägypten am Sonntag gebannt verfolgte, wer die Wahl zum ersten frei gewählten
Präsidenten gewinnt, veröffentlichte der herrschende Militärrat acht Zusätze zur provisorischen Verfassung. Mit den Änderungen sicherten sich die Generäle quasi die Alleinherrschaft am Nil."
Im gleichen Artikel heißt es: “Das im Winter neu gewählte ägyptische Parlament war am Samstag vom SCAF aufgelöst worden, nachdem das Verfassungsgericht entschieden hatte, dass ein Drittel der Sitze widerrechtlich vergeben worden war.”
Militär und Justiz haben sich mit diesen Entscheidungen über den erklärten Willen der Bevölkerung hinweggesetzt und die herrschende Vormundschaft unter Mubarak weitergeführt.
Nicht viel anders war die Situation im Jahr 2002, als in der Türkei die islamische AKP an die Macht kam. Das Militär reagierte mit Putschplänen, die gegenwärtig aufgearbeitet werden, und die Justiz übernahm die Rolle der Opposition. Dazu gehörten inhaltliche Kontrolle von Gesetzen, Verbotsverfahren gegen die Mehrheitspartei, Verhinderung der Wahl eines ihr nicht genehmen Staatspräsidenten mit verfassungsrechtlichen Tricksereien usw. Das Land laboriert noch heute an Folgen dieser destruktiven außerparlamentarischen „Opposition“.
Mursi scheint daraus gelernt zu haben. Wer wirkliche Demokratie in Ägypten will, sollte ihm eine Chance geben und die Anhänger der Mubarak-Diktatur nicht aus Angst vor Veränderung in ihrem Treiben bestärken. Und etwas weniger Krokodilstränchen wäre auch nicht schlecht...