DPAWissenschaft mit Begeisterung statt jahrelanger Arbeit an einem dickbäuchigen Text: Die Juniorprofessur sollte den Weg zum Lehrstuhl modernisieren - doch nach zehn Jahren herrscht Ernüchterung. Albert Kümmel-Schnur beklagt im Hochschulmagazin "duz" den Niedergang eines hoffnungsvollen Konzepts.
http://www.spiegel.de/unispiegel/job...823692,00.html
So negativ wie der Autor würde ich die Entwicklung nicht sehen. Es hat sich alles etwas eingespielt. Es gibt nun viele Jun.Profs, in vielen Fakultäten wird auf die Habilitation verzichtet oder nur noch kumulativ habilitiert (was ja einer "Evaluation" entspricht!). Andererseits zeigt sich, dass Jun.Prof auch oft noch besondere Unterstützung durch einen Mentor benötigen -- und daher eben die Zuordnung von Jun.Prof. wie auch Ass.Prof. zu Lehrstühlen eher der Karrierer förderlich denn schädlich ist. Es gibt halt nun insgesamt mehr Wahlmöglichkeiten.
Die "Sicherheit", einen Lehrstuhl an einer Uni zu bekommen wird man nie haben -- es gibt nun mal ca. 10* mehr Bewerber als Postdocs. Wie soll das gehen? Da führt an einer "Auswahl" kein Weg vorbei.
Allerdings gibt es genügend Alternativen zur Uni-Professur, auf die man auch hinweisen könnte -- FH-Professur, Ausseruniv.Forschung, usw. Man tut gut daran, "notfalls" auch etwas flexibler zu sein. Wer in der Wirtschaft nach 10 Jahren nicht Abteilungsleiter ist, ist auch nicht gescheitert.
Der Artikel ist klar aus der Sicht der Geisteswissenschaft geschrieben. Es wäre hilfreich zu hören, wie denn die Erfahrungen mit Juniorprofessuren in anderen Fachrichtungen sind.
Bei den Ingenieuren gibt es eine lange Tradition im Umgang mit dem Begriff "habilitationsäquivalent". Ich habe niemals habilitiert, was dafür in der Industrie.
Werden in anderen Fachbereichen auch alternative Wege der Habilitation, z.B. die "akkumulative" Habilitation unterstützt um das Schreiben des zweiten Buches zu erleichtern ?
Wie sieht es denn aus mit der Einführung von Tenure-Track Systemen, in die das Konzept der Juniorprofessuren übergehen könnte ?
Ich empfehle jungen Leuten oft ins Ausland zu gehen, als Assistant Professor Publikationen und Projekte anzuhäufen und dann wieder nach Deutschland zurückzukehren.
Seit den 1970er Jahren ist es in der deutschen Hochschullandschaft nicht gelungen, mehr Diversifikation und Transparenz in die wissenschaftlichen Karrierewege zu bringen, dabei hindert kein Gesetz und noch nicht einmal die klamme finanzielle Lage die Universitäten heute daran den akademischen Oberbau auszubauen.
Aber an den Universitäten werden lieber immer neue Umwege erfunden, um die Zwölf-Jahres-Regelung zu umgehen und andere Schikanen, wie hier dargestellt. Warum nur?
Klar, Forschen macht viel mehr Spaß als Lehren. Zwar scheint es immer noch gute Hochschullehrer zu geben, eine größere Masse der Uni-Professoren ist wohl extrem gruselig, wenn ich mir so das Studium meiner Tochter und von Bewerbern anschaue. Was da für kuriose Nummern ablaufen, macht mich sprachlos. Total chaotische, zusammen(raub)kopierte 60 Powerpointfolien in 45 Minuten den Studenten an den Kopf geknallt, Vorlesungsinhalte, die den Titel oder gar den Studiengang nur hauchzart streifen, überhaupt, erratisch zusammengestellte Studiengänge; und dieser unsägliche Bachelor. Excellence in Teaching ist das alles nicht. Warum wohl Frau Schavan Ideenwettbewerbe für Bildung ausschreibt? Hat wohl selber keine Einfälle oder traut den dünkeligen unter den Professoren nicht?
Der Abschnitt aus dem Artikel irritiert mich etwas:
Er rühmt sich damit, mit den Werkstätten kooperiert zu haben? Das ist doch keine Kooperation. Die Leute werden schließlich dafür bezahlt, dass sie ihm zuarbeiten.Zitat von Dr. Albert Kümmel-Schnur
"Die Juniorprofessoren stellen sich vor" als Ringvorlesung zu betiteln empfinde ich als etwas dick aufgetragen. Die Leute haben sich doch nur vorgestellt. Mit Lehre (dafür ist eine Vorlesung in meinen Augen da) hat das in meinen Augen wenig zu tun.
Ich weiß zum Glück, dass es auch Juniorprofessoren gibt, die dicke Bretter bohren. Der Artikel wirft jedenfalls kein gutes Licht auf "JunProfs". Schade. Vielleicht kann SPON noch Juniorprofessoren aus anderen Fachbereichen für Darstellungen ihres Arbeitsalltags gewinnen, um das Bild abzurunden?
Die vom Autor ins Feld geführte innovative und quantitative Vielzahl von Veröffentlichungen sind keine Bereicherung, sondern ein Problem der geisteswissenschaftlichen Forschung. Diese Happen, welche aus kleinteiligen Zugängen zu Fragestellungen heraus am Fließband produziert werden können, halten keinen Vergleich zu einer elaborierten und in den Fachzeitschriften rezensierten ordentlichen Habilitation, dem "dicken" Buch, aus. Es gibt, so ironisch das klingen mag, zuviel Artikelliteratur in den Geisteswissenschaften, die durch die fortwährende Verwurstung von Versatzstücken entsteht. Richtig schlimm wird es, wenn diese auch noch mithilfe "innovativer" Methoden auf irgendwelchen, nicht recherchierbaren und von keinem Rezensenten geprüften Servern gespreichert werden, auf welche der Autor dann stolz verweist als die Spitze des Fortschritts. Die langjährige Beschäftigung mit dem Gegenstand macht die Geisteswissenschaft aus, nicht Artikelgenese und oberflächliche Schnellschüsse. Was die Benachteiligung der Lehre angeht, spricht der Autor aber ein echtes Problem an.
Ich bin ein institutionell-legitmierter (sanktionierter?) Künstler, der in den letzten Jahren eine ähnliche wie die besprochene Prozedur in Richtung Artistic Research/PhD für Künstler erfahren hat.
Ich forsche in meiner Arbeit und habe nach Möglichkeiten gesucht, dieses Interesse auf eine höhere akademische Plattform zu stellen.
Ich kann nur sagen: der Autor hat 100% den Nagel auf den Kopf getroffen. Was ich im beschriebenen Kontext auf universitärer Ebene erlebt habe ist das Grauen.
Man hört zwar unablässig das Wort Innovation, muss dagegen aber gar nicht lange "forschen", um festzustellen, dass es sich hierbei lediglich um eine Art von rein ökonomisch orientierter, carmouflagierter Besitzstandssicherungs-Strategie handelt. Mit dem Vorsatz der Innovation als Zugpferd ist der Geldzufluss gesichert und dann fährt man zu Gunsten der sakrosankten Gepflogenheiten fort.
Auch in Gebieten, wo dies gar nicht von Nöten wäre, wo man im und mit dem System experimentieren und sich dadurch wirklich Chancen für Innovation bieten könnten.
Vilém Flusser meinte ja schon in den 80ern, die Universitäten seien heute nichts anderes als Räume zur Vermittlung einer sich immer mehr aufhäufenden Wissenshalde.
Wo Systemmanager junge Menschen zu zukünftigen Systemmanagern erziehen. Forschung? Ha! Texte schreiben und diese auf Plattformen publizieren, von denen 99% der Menschheit nicht einmal weiss, dass sie existieren. Das ist dann fast schon wie das interne Monatsjournal des Opus Dei. (Hier Opus Scientiae)
Ein selbstreferenzielles System, das vergessen hat, für was/wen da eigentlich praktiziert wird. Heute erscheint ein nicht minimaler Anteil dieser Tätigkeit von außen oder auch halb-innen betrachtet, gerade in geisteswissenschaftlichen Domänen, doch vornehmlich als ein Spiel unter Experten. Man nimmt sich in regelmäßigen Pflicht-Abständen ("Warum haben Sie im Jahr 2010 nichts publiziert?") einmal dieses Thema, einmal jenes Thema vor, produziert Texte, die man sich dann gegenseitig "peer-reviewt".
Wie Boris Groys kürzlich geschrieben hat, ist das "Projekt" eine Form gesellschaftlich legitimierter Asozialität. Da muss man nicht kommunizieren, interagieren ausser mit Seinesgleichen.
Dagegen muss man dies in der Lehre immer. Da geht es um das Intersubjektive, nicht um den "objektiven" Text.
Deshalb gilt die Lehre im Vergleich zur Forschung auch als minderwertig. Ergebnis: Es werden Menschen von Professoren unterrichtet, die eigentlich gar keine Zeit dazu haben, weil sie Texte produzieren müssen. Kein Wunder, dass Vermittlungsfähigkeit und -Willen da des öfteren stark gegen Null läuft. Und der Erkenntnisgewinn auch.