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Job-Odyssee - Was bringen Praktika wirklich?

Die "Generation Praktikum" wurde schon begrifflich erschaffen, und viele Jobsuchende gehören heute dazu: Willige Arbeitskräfte, mit denen Unternehmen ganze Sparten kostengünstig betreiben. Unfaire Ausbeutung oder sinnvolles Ausprobieren für Arbeitgeber und Arbeitnehmer? Wie sind Ihre Erfahrungen - mit Praktikanten oder Unternehmen?
  1. #10

    Zitat von Julipau
    Sollten nicht die Studiengänge einfach praxisosrientierter sein?
    Unter Praxisorientierung verstehe ich gerade auch das Reinschnuppern in Unternehmen. Denn das ist an der Uni nicht zu simulieren. Die hohe Zahl an unbezahlten Praktika macht mir allerdings Sorgen. Praktikanten werden in vielen Unternehmen als willige und billige Heloten begriffen.

    Warum sind Studenten eigentlich so schlecht organisiert und machen sich gegenseitig so viel Konkurrenz bei der Schlacht um kostenlose Praktika? Ab dem zehnten unbezahlten Praktikum im Lebenslauf gilt der Bewerber doch eh auf dem Arbeitsmarkt als "verbrannt", weil nicht durchsetzungsfähig?

    Gruß,
    Karendric
  2. #11

    Letztendlich sind sich solche befristeten Arbeitsverhältnisse aber auch nicht von Vorteil für ein Unternehmen. Ich arbeite bei einem großen Firma, die in der IT Branchne tätig ist und habe dort in den vergangenen Jahren auch beobachtet, wie bei Neueinstellungen immer mehr Praktikantenvertäge und Zeitarbeitsvertärge überwiegen. Der Vorstand verkündet gegenüber der Presse zwar jedes Jahr stolz, wie viele neue Arbeitsplätze geschaffen wurden, aber daß dies zu weniger als 20% Festanstellungen sind wird nicht erwähnt. Bei den auf dieser Basis beschäftigten Kollegen merkt man deutlich, daß sie zwar durchaus motiviert, aber oft auch weniger risikofreudig sind, Änderungen von gewohnten Abläufen eher ablehnend gegenüberstehen und sich nicht gerade darum reißen auch persönliche Verantwortung für ein Projekt zu übernehmen. Eben immer auf Nummer sicher gehen und ja nicht anecken, wenn in einem halben Jahr wieder die Verlängerung des Vertrags ansteht. Für die Identifikation eines Mitarbeiters mit dem Unternehmen ist es auch nicht gerade förderlich, wenn er jederzeit damit rechnen muß in ein paar Monaten schon ein Ex-Mitarbeiter zu sein.
  3. #12

    [TAOYUAN]
    Ich muss hier beide Positionen vertreten, die der Praktikanten und der Unternehmen:
    Ein Praktikum ist sehr sinnvoll, wenn es im eigentlichen Sinne durchgeführt wird, also wenn der Praktikant lern- und einsatzbereit ist und das Unternehmen die Tätigkeiten entsprechend erklärt und anleitet.

    Wenn der Praktikant in einem relativ kurzen Zeitraum von einigen Monaten neues Wissen gewinnt, Kontakte schließen kann und erfährt, ob ihm diese Arbeit überhaupt zusagt, gewinnt er durch das Praktikum viel. In dem Fall ist meiner Meinung nach auch eine Bezahlung nicht notwendig, höchstens eine Aufwandsentschädigung für Fahrkosten oder ähnliches.

    Wenn das Unternehmen einfache Tätigkeiten (inklusive aber nicht ausschließlich Kaffeekochen und Kopieren) auf den Praktikanten auslagern kann, damit die festen Mitarbeiter für anspruchsvollere Tätigkeiten frei werden, bei denen der Praktikant dann assistieren oder über die Schulter schauen kann, gewinnt auch das Unternehmen.
    Wenn aber das Unternehmen die Aufgaben eines Festangestellten auf einen Praktikanten auslagert, verlieren beide dabei. Der Praktikant ist von der Tätigkeit, für die ihm Ausbildung und Arbeitserfahrung fehlen überfordert, lernt nur, was er sich durch seine Fehler selbst beibringt und verliert eventuell das Selbstvertrauen. Die übertragenen Arbeiten und Projekte werden dann zwar kostengünstig erledigt, aber in der Regel nicht gut, was also auch für das Unternehmen schlecht ist.

    Ich habe in meinem ersten Praktikum PR-Maßnahmen, Sponsorengewinnung und Veröffentlichungen fast eigenverantwortlich erledigt, natürlich ist kaum eins der Projekte zu einem sinnvollen Abschluss gekommen. Damals hatten wir in dem Büro 12 fest Angestellte und 5 Praktikanten.

    Praktika sind sehr sinnvoll und für beide Seiten gewinnbringend, wenn sie richtig durchgeführt/betreut werden. Die Nutzung von Praktikanten als Ersatz für echte Mitarbeiter ist für beide Seiten kontraproduktiv. Leider scheinen zu viele Unternehmen mehr auf den Kostenfaktor als auf den Qualitätsverlusst zu achten.

    [/TAOYUAN]
  4. #13

    Ich befinde mich derzeit in der Ausbildung zur Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Diese Ausbildung setzt ein erfolgreich abgeschlossenes Studium der Pädagogik, Medizin oder Psychologie voraus. Die meisten meiner Kolleginnen (wie ich auch) haben schon einige Jahre Berufserfahrung hinter sich.
    Im Rahmen dieser Ausbildung schreibt der Gesetzgeber 1800 Stunden Prakikum vor, davon 1200 Stunden in einer psychiatrischen Klinik o.ä.. Diese Praktika werden in der Regel nicht vergütet, obwohl bereits qualifizierte Personen oft die gleiche Arbeit verrichten wie andere Angestellte.
  5. #14

    ...schade und traurig

    Während meiner Studienzeit zwischen 1987 und 1991 waren Praktika von vier bis acht Wochen während der Semesterferien Pflicht. Für mich gesprochen waren die Parktika zu jener Zeit sicher nicht der Bringer. Bei Pflichtveranstaltungen, welche in nur geringfügiger Form entlohnt werden, hielt sich bei mir denn auch die Motivation in Grenzen. So gesehen war auch die Einstellung der Arbeitgeber nachvollziehbar, den Parktikanten besagter Zeit nicht wirklich niveauvolle Aufgaben zu erteilen.
    Somit fehlten quasi auch die Voraussetzungen, um wichtige Kontakte knüpfen zu können.

    Den Forenbeiträgen hier entnehme ich, dass zwischenzeitlich ein signifikanter Wandel stattgefunden hat und Praktikanten bisweilen sehr konkret in die täglichen Geschäftsabläufe eingebunden sind, was durchaus positiv zu sehen ist.
    Die Kehrseite der Medaille sieht aber wohl so aus, dass Ausbeutung der Praktikanten durch Arbeitnehmer zur gängigen Praxis geworden ist. Dies wiederum ist imho sehr schade und traurig.
  6. #15

    Zitat von Mummpizz
    Ich arbeite in der Werbung, in meinem Beruf werden Praktikanten ausgebeutet wie die Lastesel, bekommen wenig bis gar keinen Lohn und dienen meistens als Kompensation für rausgeschmissene Vollzeitkräfte.
    Ich bin Informatiker und mir ging es damals, während meiner beiden Praktika auch nicht anders.Ich sage ja schon die ganze Zeit: "Wir sind der Wirtschaft fast schutzlos ausgeliefert und ich sehe keinen, der das Blatt wenden könnte."
  7. #16

    eher schon tragisch

    Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Praktikanten sind nur billige Arbeitskräfte, die normale Stellen billigst ersetzen. Ich mache gerade eines der hochgelobten Volontariate, und nach meinem Hochschulabschluss folgten erst einmal die berühmten "Praktika". Ich habe dort nichts gelernt, das ich nicht auch in einem normal bezahlten Einsteigerjob hätte lernen können. Immer habe ich vom ersten Tag an wie ein normaler Redakteur gearbeitet, inclusive Kopf hinhalten für Fehler anderer. Leider ist man nach erfolgloser Suche eben auch irgendwann so verzweifelt, dass man lieber für fast nichts arbeitet, als gar nichts zu tun. Und was mich am meisten ärgert: Die Unternehmen stellen sich dann oft noch als Wohltäter dar ("in anderen Redaktionen, da bekommen die Praktikanten gar nichts/müssen noch viel mehr Überstunden machen" etc.) Man kann die Heuchelei irgendwann nicht mehr hören. Dass man für Praktikantenstellen schon Erfahrung voraussetzt, wie überall zu lesen, ist doch wirklich ein Paradoxon par excellence - dafür wäre doch das Praktikum da! Wenn ich das schon lese, packt mich ehrlich gesagt die kalte Wut. Aber als devoter Geisteswissenschaftler, der es gewagt hat, etwas zu studieren das "man ja nicht braucht", und daher sein Leben lang Prakiktant bleiben muss, hat man das wohl hinzunehmen.
  8. #17

    Praktika aus Unternehmersicht?

    Man muss aber auch mal die andere Seite sehen:

    Viele Praktika während des Studiums sind okay und positiv.
    Ich als Unternehmer würde aber nie jemanden einstellen, der mehr als 2 oder 3 unbezahlte oder schlecht bezahlte Praktika NACH seinem Universitätsabschluss gemacht hat. Für mich ist dies ein Zeichen, dass er sich a) sich selbst unter Wert verkauft b) fehlendes Selbstvertrauen c) Ich bin skeptisch, wenn jemand beim dritten Praktikum während eines Vorstellungsgesprächs oder auch schon bei einem Praktikumsangebot (z.B. gesucht: Praktikant mit 2 Jahren Erfahrung ...blabla) die Absichten des Arbeitgebers nicht durchschaut (Ausbildung vs. billigie Arbeitskraft) bzw. seine Chancen auf Festanstellung nicht realistisch einordnen kann.
    Ich habe mir den ganzen Praktikums-Mist erspart und mich nach meinem Studium (Gesellschaftswissenschaften), ohne Erfahrung und ohne Geld und dafür mit 2 Monaten Mietrückstand selbständig gemacht - der ganze Vorgang dauerte 1 Woche überlegen und etwa 20 Minuten, den die Registrierung beim Bürgermeisteramt in Anspruch nimmt.

    Jetzt noch provokanter: für ein Unternehmen wäre es fahrlässig, die Möglichkeit nicht auszunutzen, billige Praktikanten, die sich ihnen andienen, auch einzustellen, Angebot gibt es, dann muss man auch zugreifen. Wenn dann die Ausbildung nicht im Vordergrund steht, soll ein Praktikant auch eine Klage in Erwägung ziehen - falls er bei eindeutigen Fällen nicht klagt, ist er selbst Schuld.

    Gruß
    RogerWilco
  9. #18

    Unbezahlt, aber nicht freiwillig

    Ich befinde mich zur Zeit in meinem 2. Praktikum. Ich studiere in Frankreich und an meiner Uni werden die Praktika waehrend der "normalen" Studienzeit gemacht und ein erfolgreiches Absolvieren ist Vorraussetzung, um das Jahr zu bestehen.
    Bezahlt wurde ich in keinem der beiden Praktika. Insgesamt habe ich jeweils 60 Bewerbungen geschickt, eine bezahlte "Stelle" wurde mir weder in Frankreich noch in Schottland angeboten.
  10. #19

    ...nach hinten losgehen

    Zitat von RogerWilco
    Jetzt noch provokanter: für ein Unternehmen wäre es fahrlässig, die Möglichkeit nicht auszunutzen, billige Praktikanten, die sich ihnen andienen, auch einzustellen, Angebot gibt es, dann muss man auch zugreifen.

    Gruß
    RogerWilco
    Dieser vermeintlich flotte Schuss aus der Hüfte kann auch nach hinten losgehen. Wenn ein Unternehmen Praktikanten eine tragende Rolle im Projektmanagement zuteilt und dadurch sich zu der vermeintlichen Billigarbeitskraft in Abhängigkeit begibt, kann dies für den betr. Unternehmer mehr Schaden bedeuten als eine Niederlage vor Gericht.
    Daraus resultiert folgende Message im Sinne der Praktikanten: Überdurchschnittliche Leistungen können mittelfristig durchaus lohnenswert sein, auch dann, wenn diese finanziell unzureichend bewertet werden.


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