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Erziehung - wie ungerecht ist unser Schulsystem?

Noch immer spielen in vielen Bundesländern die Herkunft und die Elterhäuser der Schüler eine größere Rolle beim schulischen Fortkommen als die individuelle Begabung. Dies zu ändern ist das Ziel der Bildungspolitik, doch über die Vorgehensweise wird häufig gestritten. Manche wollen auch gar nichts ändern. Wie ungerecht ist unser Schulsystem wirklich?
  1. #230

    Keine Unterstellungen

    Zitat von hjm Beitrag anzeigen
    Mit dem letzten Satz wollen Sie offenbar suggerieren, es handele sich dabei um eine recht junge Erkenntnis. Was natürlich Unsinn ist. Das ist seit Jahrhunderten bekannt. Deshalb ging man schon lange einen anderen Weg, indem man eben nicht allen zur gleichen Zeit im gleichen Tempo das Gleiche vorkaute, sondern, um es modern auszudrücken, „zielgruppenspezifisch“ arbeitete. Man kann natürlich die guten Erfahrungen, die man damit gemacht hat, über Bord werfen, indem man doch versucht, allen gleichzeitig das gleiche vorzukauen, und es dann als neue Erkenntnis verkaufen, dass das so nicht geht. Wahrscheinlich kann man dafür sogar den einen oder anderen Doktortitel einheimsen. An der Tatsache, keinen wirklich neuen Erkenntnisse gewonnen zu haben, ändert das aber nichts.
    Nein, ich unterstelle gar nichts, ich stelle nur fest. Nämlich, dass differenzierter und individualisierter Unterricht der heute an den meisten Schulen immer noch praktizierten frontalen Unterrichtsform überlegen ist. Wie alt oder jung diese Erkenntnis nun auch immer ist, sie wird kaum angewandt, weil sie natürlich aufwändiger in der Umsetzung ist und dem Grundgedanken der scheinbaren Homegenität in einer Klasse widerspricht.

    Soweit ich informiert bin, und ich bin ziemlich tief drin in der Materie, wird an den meisten Schulen der altbewährte Frontalunterricht gehalten. Er wird sicherlich inzwischen aufgelockert durch Projektarbeit, Gruppenarbeit, etc., doch er ist nach wie vor der Standard.

    Und dieser setzt eben voraus, dass sich alle Schüler in etwa im gleichen Tempo mit dem gleichen Stoff beschäftigen. Die Lern- und Entwicklungsheterogenität von Kindern wird dabei nicht ausreichend berücksichtigt.

    Nur ein Bsp.: Bei einer Klasse mit 12-jährigen Kindern reicht die Spanne von Jungen, die entwicklungsmäßig u.U. gerade erst der Grundschule entwachsen sind bis zu Mädchen, die bereits 16-Jährigen entsprechen. Und die sollen alle zusammen zur gleichen Zeit das Gleiche lernen.

    Und damit bitte wieder zurück zum eigentlichen Thema: der real existierenden Bildungsungerechtigkeit im deutschen Bildungssystem.
  2. #231

    Zitat von Piri Beitrag anzeigen
    Gehen wir mal davon aus, dass das, was Sie propagieren, auf Sie und Ihre Kinder zutrifft, und die Freiwilligkeit aufgrund besonders günstiger Begleitumstände (Intelligenz, häuslicher Frieden, materielle Sicherheit, gutes soziales Umfeld...) zutrifft.
    Ich propagiere nichts, sondern möchte nur selbstbestimmt leben. Wenn andere ihre Kinder nach ihren Vorstellungen groß werden lassen möchten, dann sollen sie es bitteschön so machen, da habe ich nichts dagegen.

    Ich würde niemals Gewalt gegen sie befürworten, damit sie das nach meinen Vorstellungen tun. Umgekehrt möchte ich auch, dass niemand mir Gewalt antut, wenn ich das nach meinen Vorstellungen mache.
  3. #232

    Zitat von austübingen Beitrag anzeigen
    Soweit ich informiert bin, und ich bin ziemlich tief drin in der Materie, wird an den meisten Schulen der altbewährte Frontalunterricht gehalten. Er wird sicherlich inzwischen aufgelockert durch Projektarbeit, Gruppenarbeit, etc., doch er ist nach wie vor der Standard.

    Und dieser setzt eben voraus, dass sich alle Schüler in etwa im gleichen Tempo mit dem gleichen Stoff beschäftigen. Die Lern- und Entwicklungsheterogenität von Kindern wird dabei nicht ausreichend berücksichtigt.
    So, und jetzt erklären Sie mal einem Laien, der nicht so tief drinsteckt, warum ausgerechnet Gruppenarbeit nicht voraussetzt, dass sich alle gleichzeitig im selben Tempo mit dem gleichen Stoff beschäftigen.

    Nur ein Bsp.: Bei einer Klasse mit 12-jährigen Kindern reicht die Spanne von Jungen, die entwicklungsmäßig u.U. gerade erst der Grundschule entwachsen sind bis zu Mädchen, die bereits 16-Jährigen entsprechen. Und die sollen alle zusammen zur gleichen Zeit das Gleiche lernen.
    Wenn man sie in ein „Projekt“ oder eine „Gruppe“ steckt, müssen sie genau das tun, denn jeder ist auf die Arbeit der anderen angewiesen, um seinen Teil tun zu können. Es sei denn, die Arbeit im „Team“ beschränkt sich darauf, dass einer sie macht und die anderen ihren Namen mit auf die PP-Präsentation draufschreiben.

    Bietet der Lehrer den Stoff dagegen frontal dar und verteilt anschließend Übungsaufgaben, um den Stoff zu festigen und zu vertiefen, so kann sich jeder einzelne Schüler genau das von dem argebotenen Material heraussuchen und dieses genau so weiterverarbeiten, wie es seinem momentanen Lernstand am besten entspricht, ohne auf andere Schüler und deren Lernstand Rücksicht nehmen zu müssen. Individueller geht es nur mit einem Privatlehrer.

    Und damit bitte wieder zurück zum eigentlichen Thema: der real existierenden Bildungsungerechtigkeit im deutschen Bildungssystem.
    Mit der ist es genauso bestellt wie mit der Ernährungsungerechtigkeit in deutschen Supermärkten. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass Kinder aus unteren sozialen Schichten eher zu Fettleibigkeit neigen? Die Ursache dafür muss wohl im Angebot der Supermärkte liegen. Denen wird dort gezielt (wahrscheinlich durch frühzeitiges Aussortieren im Obst- und Gemüsebereich und Abschieben zu den Süßigkeiten) gesunde Nahrung vorenthalten. Vermutlich gibt es Filialleiter, die ihre Angestellten gezielt anweisen, Kinder, die Kevin oder Schantall heißen, gleich am Eingang abzufangen, damit die gar nicht erst auf dumme (also kluge) Ideen kommen. Klingt zwar irgendwie nach Verschwörungstheorie, aber einen anderen Grund, warum sich die sozial Benachteiligte schlecht ernähren, kann es doch nicht geben.
  4. #233

    Zitat von freiwilligfrei.de Beitrag anzeigen
    Ich propagiere nichts, sondern möchte nur selbstbestimmt leben.
    Was hindert Sie eigentlich daran, nach Somalia auszuwandern? Dieses Land dürfte momentan so ziemlich alle Ihre freiheitlichen Vorstellung erfüllen. Inklusive eines auf absoluter Freiwilligkeit beruhenden Bildungssystems.

    Ich würde niemals Gewalt gegen sie befürworten, damit sie das nach meinen Vorstellungen tun. Umgekehrt möchte ich auch, dass niemand mir Gewalt antut, wenn ich das nach meinen Vorstellungen mache.
    Soso, das möchten Sie also nicht. Und wie wollen Sie den anderen vermitteln, dass Sie das nicht möchten, und dass man ihren Wunsch respektieren muss? Doch nicht etwa, indem Sie kleine Kinder zwingen, die Regeln einer zivilisierten Gesellschaft zu lernen. Was machen Sie, wenn es dann zunehmend Personen in ihrem Ort gibt, die sich als Kind einfach nicht dafür begeistert haben, einfache Verhaltensregeln zu lernen, und die nun regelmäßig und mit Begeisterung auf der Straße auf Sie einprügeln?
  5. #234

    Zitat von hjm Beitrag anzeigen
    Leider doch. Viele „moderne“ Unterrichtsmethoden, insbesondere solche mir viel gruppendynamischem Trallala, funktionieren überhaupt nur dann, wenn alle im gleichen Tempo exakt das gleiche lernen. .
    Mindestens beim Chorsingen werden Sie das aber bitte zugestehen. - Ansonsten ist es mir zu anstrengend, auf Ihre wortreichen Darlegungen einzugehen.
  6. #235

    Zitat von freiwilligfrei.de Beitrag anzeigen
    Ich propagiere nichts, sondern möchte nur selbstbestimmt leben. Wenn andere ihre Kinder nach ihren Vorstellungen groß werden lassen möchten, dann sollen sie es bitteschön so machen, da habe ich nichts dagegen.

    Ich würde niemals Gewalt gegen sie befürworten, damit sie das nach meinen Vorstellungen tun. Umgekehrt möchte ich auch, dass niemand mir Gewalt antut, wenn ich das nach meinen Vorstellungen mache.
    Aber wenn Sie gegen Homeschooling sind und gegen feste Stundenpläne, sind Sie dann Befürworter des Summerhill-Systems?
  7. #236

    Zitat von austübingen Beitrag anzeigen
    Da ich ziemlich tief in der Materie drni stecke kann ich mit Recht sagen:
    "Das Gleiche im gleichen Tempo und zur gleichen Zeit" ist, etwas relativiert, die Realität an den allermeisten Schulen in D.

    Individualisierter und differenzierter Unterricht ist leider die Ausnahme. Oder wo werden etwa keine gemeinsamen KA geschrieben, zum gleichen Zeitpunkt. Wo wird nicht mehr das gleiche Tempo und der gleiche Stoff zur gleichen Zeit gelebt? Diese Schzulen und Pädagogen sind die Ausnahme.
    Nun drehen wir uns im Kreise, was die Regel und was die Ausnahme ist. Man kann außerdem auch Hundertausende Lehrer/innen nicht in ein Klischee pressen. Es ist gut und für die Kinder sehr sinnvoll, dass Lehrer/innen nach verschiedenen Methoden unterrichten.
  8. #237

    Zitat von freiwilligfrei.de Beitrag anzeigen
    Ich habe mir mal erlaubt, einem geschniegtelten Unternehmensberater, der mich rekrutieren wollte, auf einem Bierdeckel seinen eigenen Netto-Stundenlohn auszurechnen. Die Grundrechenarten und etwas Prozentrechnung haben ausgereicht, um alle aufwendigst gestalteten Charts und Hochglanzbroschüren auszuhebeln. Damit hatte ich richtig viel Spaß.
    Ja, ich kann Ihre Schadenfreude nachfühlen. Wer macht eigentlich die Mitarbeiter der "führenden" Wirtschaftsinstitute" (es gibt offenbar noch andere, die nicht führend sind) zu "Wirtschaftsweisen", die in schöner Regelmäßigkeit Prognosezahlen in die Welt setzen, die ebenso regelmäßig nicht eintreffen. Ich vermute, dass dort mit Prozentrechnung, Wahrscheinlichkeitsrechnung, Mengenlehre, Integralrechnung und vor allem mit den verbalen Schlussfolgerungen ziemlich unweise umgegangen wird. Ob das allerdings dem Schulsystem angelastet werden kann, bezweifle ich stark. Es sind Auswüchse der BWL/VWL, Missbräuche schöner Rechenmethoden und eine gehörige Portion Dreistigkeit (zu deutsch Verarsche).
  9. #238

    Zitat von hjm Beitrag anzeigen
    Was hindert Sie eigentlich daran, nach Somalia auszuwandern? Dieses Land dürfte momentan so ziemlich alle Ihre freiheitlichen Vorstellung erfüllen. Inklusive eines auf absoluter Freiwilligkeit beruhenden Bildungssystems.
    Somalia ist ein Musterbeispiel für einen Scherbenhaufen der Politik. Warum soll ich dort hingehen und nicht hier in meiner Heimat dafür eintreten, dass nicht ähnliches passiert?

    Soso, das möchten Sie also nicht. Und wie wollen Sie den anderen vermitteln, dass Sie das nicht möchten, und dass man ihren Wunsch respektieren muss? Doch nicht etwa, indem Sie kleine Kinder zwingen, die Regeln einer zivilisierten Gesellschaft zu lernen. Was machen Sie, wenn es dann zunehmend Personen in ihrem Ort gibt, die sich als Kind einfach nicht dafür begeistert haben, einfache Verhaltensregeln zu lernen, und die nun regelmäßig und mit Begeisterung auf der Straße auf Sie einprügeln?
    Um eines klarzustellen: Die Ablehnung von Gewalt bezieht sich auf initiierende Gewalt. Gewalt gegen initiierende Gewalt, die gegen Unschuldige gerichtet ist, ist legitim.

    Patentlösungen für Einzelprobleme kann ich Ihnen nicht geben. Sonst würde ich der Kreativität der Menschen für gewaltfreie Problemlösungen vorgreifen und das wäre anmaßend.

    Ich kann Ihnen aber ein paar ganz grobe Ideen für die Sanktionierung von Rechtsverletzungen beschreiben:

    Fokus auf Entschädigung statt Strafe, Verweigerung der Zusammenarbeit, schwarze Listen (im Fall gewalttätiger Kinder und Jugendlicher schwarze Listen für deren Eltern und deren Familien), Beauftragung von Unternehmen, die mir Sicherheit verkaufen anstatt der Verlass auf ein staatliches Gewaltmonopol - diese Unternehmen stünden untereinander im Wettbewerb um die beste Leistung zum geringsten Preis für ihre Kunden und da Gewaltlösungen immer die teuersten sind, werden sich diejenigen durchsetzen, die Prävention, Gewaltvermeidung, Verhandlung usw. gegenüber Bewaffnung etc. bevorzugen.
  10. #239

    Zitat von Blaue Fee Beitrag anzeigen
    Aber wenn Sie gegen Homeschooling sind und gegen feste Stundenpläne, sind Sie dann Befürworter des Summerhill-Systems?
    Nein. Ich mag keine Systeme, die für Allheilmittel gehalten werden. Ich bin ein Befürworter der Selbstbestimmung.

    Das beziehe ich auf mich selbst, d.h. ich möchte zu nichts gezwungen werden, womit ich nicht einverstanden bin und auf meine Kinder, die ich nicht zu etwas zwingen will, was sie nicht wollen.

    Ich halte Zwang für kein Mittel der Problemlösung sondern halte ihn für die Ursache der meisten Probleme. Verhandlung, Gespräch, Kooperation, Dialog, Verträge, Vereinbarungen usw. halte ich hingegen für sinnvoll und zielführend, um Probleme zu lösen. Denn das sind die besten Voraussetzungen dafür, um so etwas wie Verständnis, Empathie, Vernunft usw. entstehen zu lassen. Das geht nicht, wenn Sie jemanden die Pistole ins Gesicht halten und ihm sagen, was er zu tun hat. Dadurch entsteht Angst, Aggression, Widerwillen, Verzweiflung, Demütigung usw.

    Als Sanktion halte ich nicht Strafe für richtig - da problemverursachend - sondern ich finde es legitim, Entschädigung von anderen zu verlangen, wenn sie meine Selbstbestimmung (über Körper, Eigentum und Freiheit) verletzen. Ebenso die Verweigerung von Kooperation, Verhandlung, Dialog, Verträgen, Vereinbarungen usw.

    Angenommen es gäbe keine Schulpflicht und meine Kinder wollen trotzdem zur Schule gehen - mit Anwesenheitspflicht, Stundenplan, Frontalunterricht, Nachsitzen und was weiß ich, dann können und dürfen und sollen sie bitteschön auch zur Schule gehen. Dann unterstütze ich sie sogar dabei. Wenn sie aber Lernen auf anderen Wegen bevorzugen, dann sollen sie diese anderen Wege auch gehen dürfen und dann unterstütze ich sie eben dabei.

    Dieser Weg, Probleme zu lösen und Bedürfnisse zu befriedigen ist keineswegs total ungewöhnlich, abgefahren, neu und revolutionär. Im Gegenteil: Der größte Teil unseres Lebens und des gesellschaftlichen Zusammenlebens läuft ganz genau so ab. Für den Schulzwang und alle anderen Bereiche, die der Staat erfolgreich usurpiert hat, trifft das leider nicht zu. In diesen Bereichen erscheint es uns völlig ungewöhnlich, weil wir damit sozialisiert wurden, dass es "normal" sei, dass der Staat sich um diese Aufgaben kümmert. Das ist es aber nicht. Es ist ungerecht und unfair, weil es zur Verletzung der Rechte des Individuums führt.

    Und um den Kreis wieder zu schließen: Das Hauptanliegen des staatlichen Bildungssystems ist es, diese Zusammenhänge zu verschleiern und die institutionalisierte Verletzung der Rechte des Individuums als „normal“ zu verkaufen.

    Von „normal“ kann aber keine Rede sein, denn es ist schlicht und einfach nicht „normal“ wenn ich Unschuldige unter Androhung von Gewalt (Gefangennahme, Enteignung, Verletzung usw.) zu etwas zwinge, was sie nicht wollen. Das ist nicht „normal“ sondern krank!








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