Noch immer spielen in vielen Bundesländern die Herkunft und die Elterhäuser der Schüler eine größere Rolle beim schulischen Fortkommen als die individuelle Begabung. Dies zu ändern ist das Ziel der Bildungspolitik, doch über die Vorgehensweise wird häufig gestritten. Manche wollen auch gar nichts ändern. Wie ungerecht ist unser Schulsystem wirklich?
Um die Bildungsdebatte in Deutschland auszuhalten, braucht man schon ein Bier ;-).
Bei der Bundestagswahl 2009 und NRW-Landtagswahl 2010 machten einige Parteien Wahlkampf mit Bildungspolitik. Um die Bildung in Deutschland und NRW zu verbessern, wollte man mehr Lehrer einstellen.
Als Biologe mit Zweitfach Chemie, der kurz vor der Promotion stand, wollte ich auch auf diesen "Zug" aufspringen. Nur es gab keinen Bedarf! Eine Schule, die mir Hoffnungen machte, weil man eine bald pensionierte Lehrkraft ersetzen wollte, hatte mir abgesagt. Als Begründung wurde mir angegeben, dass das Land NRW aufgrund von "G8" (Abitur nach 12 Jahren) Lehrerstellen einspart.
Ich hatte mich natürlich auch an anderen Schulen beworben, aber kaum eine Beachtung gefunden. Einige Stellenausschreibungen im Frühjahr wurden im Herbst wieder veröffentlicht.
Als Vertretungslehrer für Biologie hatte ich jedoch auch einen Einblick in unsere heutigen Schulen sammeln können. Und ich muss leider sagen, so kann man nicht lange mit gesundem Menschenverstand arbeiten. Die Fluktuation an kompetenten Lehrern war groß, weil ihn an anderen Schulen und in Rheinland-Pfalz mehr Perspektiven geboten wurden.
Eine Schule, die schon bald besser als Universitäten ausgestattet war, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Schüler auch in der Lage sein müssen, selbständig zu denken. Der Umgang der Schüler untereinander entspricht auch nicht der "sozialen Kompetenz", die bei Bewerbungen für Unternehmen gefragt wäre.
Eine Schülerinn, deren Vater Geschäftsführer in einem größeren Unternehmen ist, wollte mir bei einer Benotung von "Befriedigend" mit Ärger drohen. Sie meinte noch, dass ihr Vater doch mehr verdienen würde als ich. "G8" ist bekanntlich auch nicht so einfach. Deshalb hat man Schülern der Oberstufe, die Benotungen zwischen 4 bis 8 Punkten erhielten, den Weg zum Berufskolleg empfohlen.
Auch so kann man in der Außendarstellung den Erfolg einer Schule bei seinen Absolventen schönigen.
Es war aber schon immer so, dass die Kinder von Akademikern und Politikern bei der Benotung im Unterricht immer einen Bonus erhielen. In der Hinsicht war unser Schulsystem immer ungerecht.
Im letzten Jahr gab es in NRW sogar einen Rekord: Die Anzahl der Abiturienten mit einem Notenschnitt von 1,0 war noch nie hoch (über 800 SchülerInnen).
Mittlerweile müssten jedoch einige von ihnen in der Realität angekommen sein. Darauf trinke ich ein Bier!
Wenn 1 mal reicht. Bei mir sind es oft n+1. :-)
Kommt mir SEHR bekannt vor. Habe ich auch schon erlebt: Vater Prof. an einer NRW-Uni. Da muss das Kind doch intelligent sein. Da kann doch keine 4 in ... auf dem Zeugnis stehen.
Darüber würde ich mich an "meinem" Gymnasium sehr freuen.
Das macht NRW schon lange. Deshalb will man dort auch kein bundesweites Zentralabitur - das wäre wenigstens etwas mehr Gerechtigkeit:
http://www.schulministerium.nrw.de/B..._im_Abitur.pdf
Das sind sie:
Proteste nach harter Mathe-Klausur: Durchfallquote 94 Prozent - SPIEGEL ONLINE
Kölner Mathe-Desaster: Die Hammer-Klausur zum Selberrechnen - SPIEGEL ONLINE
Aber leider versucht auch da die Un-Bildungspolitik Einfluss zu nehmen. Lesen Sie das hier:
http://www.mathedidaktik.uni-koeln.d...e_Didaktik.pdf
Später mache ich das auch. Irgendwann wird nämlich dieses ganze Bildungs-Kartenhaus zusammenfallen.
Grundsätzlich halte ich die Vorgehensweise des NRW-Schulministeriums und die Einlassungen der Uni-Köln für berechtigt.
Auch die Hochschulen werden sich - wie die Schulen - an Zertifizierung gewöhnen müssen. In der diskutierten Mathematik-Klausur liegt doch der Verdacht sehr nahe, dass die verantwortliche Dozentin wesentliche Erkenntnisse moderner Lehr-Lern-Forschung ausßer Acht gelassen hat: Individuelle Förderung unter binnendifferenzierenden Aspekten, einseitige Fachorientierung statt Kompetenzen, input- statt outputorienterter Fragestellung, Anwendung moderner Lehrverfahren (Tischgruppe, Kugellager, Blitzlicht, Diskussion, Impulsreferat, ....).
Warum eigentlich wenden die Hochschulen in ihrem Bereich nicht das an, was von Schulforschern und Bildungsexperten auf den einschlägigen Lehrstühlen gefordert wird: Z. Bsp. Bos, Klemm, Reich et alia. Gerade NRW ist diesbezüglich ja reich bestückt.
NEIN. Aus Freiheit der Lehre wird so Freiheitsleere.
Ich stelle mir gerade den Beweis des Residuensatzes mit diesen Methoden vor. Es fällt mir nicht leicht.
Fehlt da nicht noch ein ganz wesentlicher Name? So ein Methodenpapst?
Anosonsten kann man in dem lesenswerten Artikel Soll Qualität wirklich durch Notendumping gesichert werden? (aus der FAZ vom 15.03.2012) die Ursachen für die Notenexplosion (Erosion!), welche der Forist TLR9 am Ende seines Beitrags erwähnt, unschwer ausmachen.
Ich profitiere am "Elend" der Anderen. Ich bin Nachhilfelehrer für Mathematik (Mittelstufe).
Pädagogik wäre ja ganz gut, wenn man sie auch anwenden kann. Ich kann dies zwar auch nicht auf Anhieb, aber nach einigen Jahren, wüsste ich sie anzuwenden.
Als Nachhilfelehrer bin auch "Mental Coach". Mein aktueller Nachhilfeschüler ist überfordert, weil er im Unterricht nichts versteht. Seine Klasse ist chaotisch, und seine Fachlehrerin hat sie nicht unter Kontrolle. Sie unterrichtet die Klasse im dritten Jahr ...
In der letzten Klassenarbeit behandelten 50% der Aufgaben den "Satz des Pythagoras". Dieses Thema hatten sie erst in der Vorwoche gelehrt bekommen, während sie vorher wochenlang die Strahlensätze behandelten.
Weil einige Schüler 10 Minuten zu spät zur Klassenarbeit erschienen - so etwas gibt es -, hatte die gesamte Klasse nur 35 Minuten Zeit, um die 5 Hauptaufgaben (Gesamtpunktzahl 60 Punkte) zu lösen.
Meinem Nachhilfeschüler fehlten die 10 Minuten, so dass er nur ein "Ausreichend minus" erhielt. Mit etwas mehr Zeit und Konzentration wäre ein "Befriedigend minus" oder 10 Punkte mehr möglich gewesen. Der Notenschnitt der Klasse lag im Übrigen bei 3,8.
Aber bei dieser Arbeit hätte ich auch meine Probleme gehabt. Sie erinnerte mich an eine Kofferklausur an der Universität, bei der es nur darum ging, seinen Taschenrechner schnell bedienen zu können, um möglichst viele Aufgaben zu lösen.
Als Nicht-Mathematiker hatte ich nicht auf Anhieb gewusst, dass der Radius eines Kreises, der Diagonale eines Quadrates mit maximaler Seitenlänge entspricht. Die Berechnung der Seitenlängen eines Trapezes mit Hilfe des Satz des Pythagoras war eine weitere Transferaufgabe.
Die erste Klausur (90-minütige Arbeit) wurde im 2. Halbjahr erst am letzten Tag vor den Osterferien geschrieben. Die Aufgaben und das Ergebnis kenne ich noch nicht. Aber ich stelle mich auf das Schlimmste ein.
Nebenbei will ich noch anmerken, dass mein Nachhilfeschüler zwar etwas faul aber nicht dumm ist. Ein wirklich schlechter Schüler könnte mir keine alternativen Lösungswege anbieten, die sogar besser sind. Bei einer anderen Fachlehrerin oder -lehrer hätte er wohl eine bessere Benotung bekommen. So muss ich ihn in die Oberstufe "retten".