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Doktorarbeit - wie viel Mogeln ist erlaubt?

Die Doktorwürde als akademischer Grad ist ins Gerede gekommen, da immer mehr prominente Doktoren beim Schummeln mit Zitaten, Ergebnissen und der Erstellung ihrer wissenschaftlichen Arbeiten ertappt wurden. Nun ist im Zeitalter der digitalen Verfügbarkeit von Daten und Fakten im Internet manche Grauzone entstanden. Müssen nun die Regeln für wissenschaftliche Arbeiten erneuert werden? Provokant gefragt: Wie viel Mogeln ist erlaubt?
  1. #10

    Zitat von umgänglich Beitrag anzeigen
    Weitermachen. Obwohl irgendwann auch mal die Frage gestellt werden darf: Hebt ein Dr.-Titel die Persönlichkeit eines Fritz Schulze?
    Alle Achtung! Ich habe auf einer mechanischen Schreibmaschine das Tippen gelernt und bin froh, dass es mittlerweile elektronische Hilfsmittel gibt.

    Ob ein Doktortitel die Persönlichkeit aufwertet, kann ich nicht sagen. Ich hatte aber bereits geschrieben, dass man die Doktorwürde bei einigen KandidatInnen anzweifeln kann. Trotz Promotion können einige DoktorInnen immer noch nicht selbständig und vorausschauend arbeiten. Nach dem Motto "Nichts sagen, nichts hören, nichts sehen" kann man eine Promotion auch erfolgreich abschließen.

    Bei einer naturwissenschafltichen Arbeit muss man zumindest viel einstecken können. In einem normalen Arbeitsverhältnis würde man frühzeitig kündigen. Aber es ist auch eine Charakterstärke, ein Promotionsvorhaben abzubrechen, wenn es mit dem Betreuer nicht funktioniert.

    Momentan habe ich sowieso den Eindruck, dass es Doktorarbeiten am Fließband gibt. Ob alle davon auch zum Promotionskolloquium bzw. -prüfung gehen, mag ich zu bezweifeln. Sobald ein projektbezogenes Manuskript veröffentlich wurde, steigt auch das Interesse an der Zusammenarbeit.

    Durch das Sammeln von Publikationen mit hohem "Impact Factor" gelangt man zunächst zur Habilitation und später zur Außerplanmässigen Professur. Dabei kann auch gemogelt werden, wenn man sich die Autorenschaften zwischen den befreundeten Arbeitsgruppenleitern zuschiebt, ohne irgendwelche projektbezogenen Daten abgeliefert zu haben.

    In manchen Fachzeitschriften wird auch ein Kapitel "Contribution" angegeben, um die Autorenschaft zu rechtfertigen. Da stimmt auch nicht alles.

    Ich bewerte einen Akademiker lieber nach seinem Verstand und weniger nach seinem Titel. Wie sage doch nochmal Immanuel Kant: "Sapere aude - Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"
  2. #11

    Zitat von TLR9 Beitrag anzeigen
    Ich bewerte einen Akademiker lieber nach seinem Verstand und weniger nach seinem Titel.
    Das kommt doch wohl darauf an, ab Sie diesen Akademiker als Schwiegersohn einschätzen oder als Bewerber für eine freie Stelle oder als Buchautor oder als Skatbruder usw. Es ist immer ganz gut, die Berufsabschlüsse der Leute zu kennen: Gesellenstück wie Staatsexamen, Meisterbrief wie Diplomarbeit oder eben auch das Thema einer Dissertation. Das sagt doch schon auch allerhand über den "Verstand" aus.
  3. #12

    Überholspur für politische Hoffnungsträger

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    da immer mehr prominente Doktoren beim Schummeln mit Zitaten, Ergebnissen und der Erstellung ihrer wissenschaftlichen Arbeiten ertappt wurden. ... Wie viel Mogeln ist erlaubt?
    Es waren eigentlich nicht prominente Doktoren, sondern prominente Politiker, wo der Doktortitel zur Karrierenkosmetik gehört. Die Frage, wie viel Mogeln erlaubt ist, stellt sich den Wissenschaftlern überhaupt nicht, müssen doch gerade die damit rechnen, dass ihre Publikationen und Dissertationen von Kollegen gelesen werden. Die strengen Regeln dazu existieren schon längst, nur scheinen junge Hoffnungsträger aus den größeren politischen Parteien davon befreit zu sein und in mancher Fakultät werden beide Augen zugedrückt.

    Wenn Autofahrer denken, eine Rote Ampel wäre nur ein Vorschlag, dann muss die Straßenverkehrsordnung nicht geändert werden, sondern dafür gesorgt werden, dass sie eingehalten wird.
  4. #13

    Zitat von rainer_daeschler Beitrag anzeigen
    Es waren eigentlich nicht prominente Doktoren, sondern prominente Politiker, wo der Doktortitel zur Karrierenkosmetik gehört. Die Frage, wie viel Mogeln erlaubt ist, stellt sich den Wissenschaftlern überhaupt nicht, müssen doch gerade die damit rechnen, dass ihre Publikationen und Dissertationen von Kollegen gelesen werden. Die strengen Regeln dazu existieren schon längst, nur scheinen junge Hoffnungsträger aus den größeren politischen Parteien davon befreit zu sein und in mancher Fakultät werden beide Augen zugedrückt.
    Deutlicher: wenn das Thema/die Entdeckungen einer Doktorarbeit in die Praxis überführt/patentiert werden sollen, dann ist jede Mogelei ausgeschlossen, weil sie kontraproduktiv wäre. Wenn jedoch die Dissertation sowieso in den Bücherregalen verstaubt, weil ihr Inhalt für nichts und niemanden von Bedeutung ist, dann ist sie nur eine Formulierungsübung, und der Mogelei sind Tor und Tür geöffnet.
  5. #14

    Zitat von Berg-neu Beitrag anzeigen
    Es ist immer ganz gut, die Berufsabschlüsse der Leute zu kennen: Gesellenstück wie Staatsexamen, Meisterbrief wie Diplomarbeit oder eben auch das Thema einer Dissertation. Das sagt doch schon auch allerhand über den "Verstand" aus.
    Wenn man in einem 10-minütigen Fachgespräch den Eindruck bekommt, dass der Gesprächspartner keine Ahnung hat, dann kann auch ein akademischer Titel nicht weiterhelfen.

    Es gibt Doktoranden, die selbständig handeln können und eigene Denkweisen entwickeln. Aber es gibt auch viele, denen man ein Arbeitsplan erstellen muss. Sie machen "blind" das, womit man sie beauftragt. Ein Technischer Assistent/in im Labor kann dies auch. Aber sie/er wird nicht meinem Doktortitel belohnt.

    Für die Politik mag der Doktortitel noch interessant sein. Aber man muss sich auch fragen, warum im Bundeskabinett ein Dr. jur. das Ressort Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und ein Dr. med. das Ressort Wirtschaft und Technologie leiten.

    Nur mit einem Diplom wird man wohl nie Rektor einer Universität, aber mit einem Magister für Germanistik und Politikwissenschaften kann man die Finanzierung der Hochschulen eines Bundeslandes bestimmen.
  6. #15

    Zitat von TLR9 Beitrag anzeigen
    Wenn man in einem 10-minütigen Fachgespräch den Eindruck bekommt, dass der Gesprächspartner keine Ahnung hat, dann kann auch ein akademischer Titel nicht weiterhelfen.

    Es gibt Doktoranden, die selbständig handeln können und eigene Denkweisen entwickeln. Aber es gibt auch viele, denen man ein Arbeitsplan erstellen muss. Sie machen "blind" das, womit man sie beauftragt. Ein Technischer Assistent/in im Labor kann dies auch. Aber sie/er wird nicht meinem Doktortitel belohnt.

    Für die Politik mag der Doktortitel noch interessant sein. Aber man muss sich auch fragen, warum im Bundeskabinett ein Dr. jur. das Ressort Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und ein Dr. med. das Ressort Wirtschaft und Technologie leiten.

    Nur mit einem Diplom wird man wohl nie Rektor einer Universität, aber mit einem Magister für Germanistik und Politikwissenschaften kann man die Finanzierung der Hochschulen eines Bundeslandes bestimmen.
    Dazu lässt sich nichts anderes sagen, als: die Menschen sind verschieden. - Doch die Frage, wieviel Mogeln erlaubt ist, wird davon nicht berührt.
  7. #16

    Zitat von Berg-neu Beitrag anzeigen
    Dazu lässt sich nichts anderes sagen, als: die Menschen sind verschieden. - Doch die Frage, wieviel Mogeln erlaubt ist, wird davon nicht berührt.
    Zum Mogeln bei Doktorarbeiten habe ich einen Artikel vom 16.02.2004 gefunden: Forschungsbetrug: Vom Nobelpreis-Aspiranten zum Scharlatan - SPIEGEL ONLINE. Der Erfolg des beschriebenen Chemikers beruhte auf gefälschten Experimenten in seiner Dissertation.

    Aus dem Artikel hebe ich mal folgenden Satz hervor: "Ein bisschen Pfusch darf anscheinend sein - solange es nur hübsch bescheiden nach bloßer Dummheit aussieht."
  8. #17

    Zitat von TLR9 Beitrag anzeigen
    Zum Mogeln bei Doktorarbeiten habe ich einen Artikel vom 16.02.2004 gefunden: Forschungsbetrug: Vom Nobelpreis-Aspiranten zum Scharlatan - SPIEGEL ONLINE. Der Erfolg des beschriebenen Chemikers beruhte auf gefälschten Experimenten in seiner Dissertation.
    Sehr eindrucksvolle Fälle. Stoff für Kriminalfilme. Und m.E. kriminell, insbesondere wenn es um Arzneimittel geht.

    Passt zu meinem Beitrag #13: reine Laberfächer vertragen Mogelei, denn dort richtet sie keinen praktischen Schaden an. In naturwissenschaftlichen Gebieten mit Patenten allerdings darf keine Mogelei auftreten, weil sie lebensgefährlich sein kann.
  9. #18

    Zitat von Berg-neu Beitrag anzeigen
    Sehr eindrucksvolle Fälle. Stoff für Kriminalfilme.
    Das Renommee des Doktorvaters aus Bonn hat auch gelitten. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft wird ihn nicht mehr fördern, und trotz Fachkompetenz wird er keine Kooperationspartner finden.

    Er hält im Prinzip nur noch Vorlesungen und hält Prüfungen ab. Doktoranden muss er auch nicht mehr betreuen. Sie werden in der Regel über Drittmittel finanziert, die man nicht mehr bekommt. Und nebenbei würde über jeder Dissertation aus diesem Labor ein Makel bestehen, auch wenn er nicht gerechtfertigt wäre.

    Die Reproduzierbarkeit und Glaubwürdigkeit von Forschungsergebnissen sollte man deshalb immer überprüfen - gerade wenn man sie als "nobelpreisverdächtig" klassifiziert.
  10. #19

    Karrieresprung statt Karakter

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Die Doktorwürde als akademischer Grad ist ins Gerede gekommen, da immer mehr prominente Doktoren beim Schummeln mit Zitaten, Ergebnissen und der Erstellung ihrer wissenschaftlichen Arbeiten ertappt wurden. Nun ist im Zeitalter der digitalen Verfügbarkeit von Daten und Fakten im Internet manche Grauzone entstanden. Müssen nun die Regeln für wissenschaftliche Arbeiten erneuert werden? Provokant gefragt: Wie viel Mogeln ist erlaubt?
    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Provokant gefragt: Wie viel Mogeln ist erlaubt?
    Sowohl die Frage als auch der Casus Knacktus, das Mogeln an sich als Ausdruck für ein relativiertes Lügen/Betrügen sind in unserer Gesellschaft anerkannte Instrumente zur Karrierebeschleunigung. Diese Praxis zeigt doch, wie wichtig dieser Titel allein für das eigene Image ist, und die Leute dafür Ihren Leumund und ihre Ethik verleugnen! Aber wer's so möchte...
    Jedenfalls ist es nötig, den gesellschaftlichen Kontext dieses Phänomens vermehrt zu outen und aus der Gentlemen-Ecke herauszulösen!


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